D E R P E R F E K T E P I L G E R
Ich habe unterwegs jetzt doch schon ein paar
Leute getroffen und es ist interessant zu sehen, was da für Leute
unterwegs sind. Irgendwie erkennt man die Leute sofort, ob Sie Pilger sind
oder nur normale Wanderer. In der Zwischenzeit bin ich in Frankreich
angekommen und hier ist bekanntlich gut speisen. Ich probiere mich durch
sämtliche Käsesorten und auch der Wein hier ist nicht zu verachten. So
könnte das Pilgern noch zu einem kulinarischen Erlebnis werden. Da mein
Reisebudget aber etwas begrenzt ist, wird es wohl bei eher kalten
Mahlzeiten bleiben. Das macht aber nichts, denn was gibt es besseres nach
ein paar Stunden Anstrengung, als eine ordentliche Brotzeit mitten in der
Landschaft. Da habe ich schon einige getroffen, die mir das bestätigt
haben. Ja, die Begegnungen mit anderen Pilgern war bisher meistens etwas
Besonderes. Was sind das für Leute die da unterwegs sind? Ich war ja schon
über den Altersdurchschnitt sehr überrascht. Um in der Sprache des Weines
zu bleiben: Spätlese mit einer Mischung Grauer Burgunder. Es sollen auch
Eisweine unterwegs sein.... Wo sind denn nur kleinen Rebläuse? Bisher hab
ich nur einen getroffen, der deutlich jünger ist als ich. Nicht eine
jüngere Frau war darunter. Aber ich muss auch ehrlich zu mir selber sein.
Was sollte ich denn schon mit einer jungen Reblaus anfangen? Erstens hab
ich ja eine Freundin, zweitens würde die mich sicher ebenfalls als
Spätburgunder einstufen und drittens will ich auf dieser Reise ja
hauptsächlich in mich gehen und nicht in jemand anderen :-).
Die Gespräche sind aber meistens sehr
interessant. Es wird über Gott und die Welt gesprochen und man merkt
schnell, dass die Leute unterwegs doch alle irgendwie auf einer
Wellenlänge liegen. Interessanterweise habe ich vor 2 Tagen Einen
getroffen, der nur ein paar Ortschaften von meiner Heimat entfernt wohnt,
dort losgelaufen ist und an einem Stück nach Santiago laufen möchte. Wir
waren fast den ganzen Tag gemeinsam unterwegs und ich habe mein Fahrrad
eben solange geschoben. Er hat ein Geschäft mit ein paar Angestellten
zuhause und ist da jetzt einfach mal für 3 Monate ausgebrochen. Allerdings
ruft er noch jede Woche im seinem Laden an. Da wünsche ich ihm, dass er
unterwegs noch so loslassen kann, dass er das auch nicht mehr muss.
So, aber was macht denn nun den wahren
Pilger aus? Ist es die riesige Jakobsmuschel die am Rucksack baumelt? oder
ist es ein Krempenhut? Der selbstgeschnitzte Wanderstab? Einer, der alles
am Stück läuft? Einer, der in alle Kirchen geht die unterwegs sind?
Alleine unterwegs? Zu Fuß oder mit Fahrrad? Ich weiß es auch nicht so
recht. Ich hab zur Vorsicht mal eine kleine Muschel eingepackt, hab mein
Velo dabei, bin alleine unterwegs und vor allem ich mache alles am Stück.
Letztendlich muss es jeder selber wissen. In einem Gästebuch einer
Herberge in der Schweiz hat sich sogar eine Gruppe von Motorradpilgern
eingetragen. Von Leuten, die ich unterwegs getroffen habe, sagen aber die
meisten, dass sie sich wünschen würden alles am Stück zu gehen. Bisher
kann ich das auch bestätigen, außerdem ist es sehr schön ein paar Tage
alleine unterwegs zu sein. Man kann die Gedanken einfach mal kreisen
lassen. In einem Buch, das ich vorher gelesen habe, meinte eine Frau, dass
das Reisen zu Fuß, das einzig wahre Pilgern sei, denn nur so (mit der
Geschwindigkeit eines Fußgängers) könnte man alle Eindrücke wahrnehmen.
Mit der Geschwindigkeit hat sie vielleicht recht, aber auch das
Fahrradfahren durch die schönen Landschaften hat seinen Reiz.
Manche meinen auch pilgern heißt, in
billigen Herbergen nächtigen zu müssen, obwohl es ihnen dort nicht
gefällt. Oft sind die Herbergen Massenlager, die nicht immer dem höchsten
Standard entsprechen. In einer Jugendherberge hat sich dann mal ein Pilger
im Gästebuch beschwert, dass er diese Herberge nicht empfehlen könne und
sehr enttäuscht sei, dass es so laut war. Selber Schuld kann ich da nur
sagen. Jugendherberge heißt Jugendherberge, weil es für die JUGEND ist. Es
heißt nicht ausdrücklich Pilgerherberge. Es kommt da schon mal vor, dass
ganze Schulklassen da sind und dann wird’s mal laut. Finde ich auch nicht
so toll, aber man kann sich dann auch nicht groß beklagen. Was in meinen
Augen das Wichtigste am Pilgern ist: Man muss sein Gepäck selber tragen!
Es gibt Organisationen (selbst schon gesehen), die einem das Gepäck jeden
Tag nachfahren. Also bitte! Was hat denn das mit Pilgern zu tun? Heute
kann man ja auch auf den Mont Everest steigen und Sherpas tragen einem
seinen Krempel nach. Womöglich hat da noch eine Frau ihre BRIGITTE dabei.
Da hab ich nur eine Meinung: Wenn einer sein Zeug nicht selber tragen
kann, dann hat er da oben nichts zu suchen. Punkt. Wenn diese Seite nur
junge Leute lesen würden, würde ich schreiben: Das ist ja total asslig. Da
ich aber mal davon ausgehe, dass sich der eine oder andere die Seite
anschaut und sich jetzt auf den Fuß getreten fühlt, probiere ich es mal
mit einer Umschreibung: Wenn es einen offiziellen Titel PILGER geben
würde, dürften ihn diese Leute sicher nicht tragen. Höchstens:
Freizeitwanderer zufällig unterwegs auf dem Jakobsweg. Ich meine, man muss
sich das mal vorstellen: Gepäck nachfahren lassen. Vielleicht sollten sich
diese Leute mal Gedanken machen was pilgern heißt: Entbehrung, Askese und
Leiden :-). Wenn einer dieser Leute mal stirbt und Petrus kommt bei ihm
vorbei und sagt: Hey, Du hast Glück, Du darfst nach oben. Dann würde der
sicher noch fragen: Gibt’s auch einen Aufzug?
