M A N N O D E R M E M M E
Die erste Generalprobe war ja schon kurz nach
Schemmerberg bewältigt (ca. 40 m hoher Berg aus letztem Bericht). Aus dem
kleinen Reiseführer war aber zu sehen, dass der wahre Stress erst noch
bevor steht und zwar kurz nach Konstanz. Wir sind jetzt in der Schweiz und
dort gibt es bekanntlich viele Berge. Bei Kreuzlingen geht es den so
genannten Seerücken hoch. Jetzt galt es vor meiner Freundin zu bestehen.
Keine Anzeichen von Schwäche zeigen. Locker den Berg hinauf strampeln ohne
mit der Wimper zu zucken. Schließlich ist das so eine der wenigen
Situation, wo wir Männer noch Männer sein dürfen. Hier dürfen wir ran. Auf
allen anderen Lebensbereichen wurden uns Dank der Emanzipation frühzeitig
Grenzen gesetzt. Hier war meine Zeit also gekommen.
Die ersten zehn Höhenmeter waren auch
kein Problem. Aber die restlichen 200 schienen nicht so einfach. Nach der
Hälfte der Strecke war mein T-shirt völlig durchnässt. Nach weiteren 20
Metern hämmerte es in meinem Gehirn: Leiden oder absteigen und schieben?
Schwitzen oder nachher den hämischen Blick der Freundin ertragen? Mann
oder Memme? So ging das immer weiter: Mann oder Memme, Mann oder Memme,
Mann oder Memme, Memmmmmmmmmmmmeeeeeeeeeeeeeeeeeeee! Ab hier war es klar
und ich stehe auch dazu: Ich habe das Fahrrad geschoben. Was heißt
Fahrrad? Wir befinden uns ja in der Schweiz und da heißt das Fahrrad nicht
mehr Fahrrad sondern Velo. Fahrrad hat ja was mit fahren zu tun. Velo ist
wahrscheinlich lateinisch und heißt soviel wie „ich schiebe“. Anders kann
ich es mir nicht erklären. Ich hab sogar ein Schweizer Velo. Es war
sauteuer und hat eine kleine Schweizer Flagge auf dem Rahmen. Am Anfang
dachte ich es wäre ein Vorteil; ein Schweizer Fahrrad in Schweizer Bergen,
aber da hab ich die Rechnung ohne meinen Drahtesel gemacht. Sobald ein
Berg in Sicht ist, fährt es sich besonders schwer. Wahrscheinlich, weil es
sich hier auskennt. Wie soll das dann erst in Frankreich und Spanien
werden?
Also um wieder auf die Memmen - Geschichte zu
kommen: Damit der Leser hier keinen falschen Eindruck bekommt muss ich mal
gleich etwas klar stellen. Ich bekenne mich zu zwei Sachen: Erstens, ich
dusche gerne warm. Zweitens, ich schiebe mein Velo auch mal den Berg hoch.
Jawohl! Da bricht mir kein Zacken aus der Krone. So große Kronen gibt’s
gar nicht, wie da Zacken rausbrechen müssten, denn ich habe schon nach
kurzer Zeit gemerkt, dass ich viel schieben muss. Aber nach meinem
jetzigen Eingeständnis ist das auch gar nicht mehr schlimm, sondern ich
mache das ja gerne. Wie kann ich aber jetzt meiner Freundin noch
imponieren? Wir haben ja ausgemacht, dass wir mal wild zelten. Meine erste
Frage daraufhin: Was machen wir, wenn Bären kommen? Kein Problem, sie
kenne sich damit aus. Hat vermutlich was mit Mutterinstinkt usw. zu tun.
Ok, dann ist es kein Problem, denn die restlichen Sachen erledige ich.
Also, die restlichen Bedrohungen.
Wir campieren dann tatsächlich mal an
einem Waldrand mitten in der Pampa. Da wache ich mitten in der Nacht auf
und höre so ein komisches Geräusch. Irgendjemand oder besser: Irgendetwas
schnupperte an unserer Zeltplane. Ich schaue sofort zu meiner Freundin
rüber: Sie schläft noch friedlich schlummernd vor sich hin. Das war ein
gutes Zeichen, denn somit konnte es sich da draußen um keinen Bären
handeln. Aber ein anderes Problem tat sich jetzt auf: Ich war für alle
anderen Bedrohungen zuständig. Jetzt hieß es scharf nachdenken und in
kürzester Zeit genau richtig handeln. Ich entscheide mich für die wohl
beste Möglichkeit von allen und tatsächlich; es funktioniert: Das Untier
trabt von Dannen. Und das alles wegen meines panikfreien und selbstlosen
Handelns. Mein heldenhaftes Stillhalten und Sich-nicht-bewegen, muss dem Tier
so einen gehörigen Respekt eingeflösst haben, dass es wohl vorgezogen hat
sich zurückzuziehen. Bori hat von meinem mutigen Handeln natürlich nichts
mitbekommen. Aber das ist nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass mit
dieser Glanzleistung meine Mannhaftigkeit wieder hergestellt war. :-)
